Ja zum Leben
Embryonale Stammzellenforschung – ethisch nicht verantwortbar
  
   
Andreas Näf, lic. phil. I, Europ. Master für Angewandte Ethik der Universität Zürich, Arbon TG

Eine Argumentationslinie der Befürworter des Stammzellenforschungsgesetzes richtet sich darauf, dass überzählige Embryonen ausserhalb des Mutterleibs keine Überlebenschance hätten und ohnehin der Vernichtung anheimfallen würden. Angesichts der Tatsache, dass überzählige Embryonen Totgeweihte seien, erscheine es daher als vernünftig, sie der Forschung nutzbringend zu überlassen.

Dieses Argument stellt Ursache und Wirkung auf den Kopf. Der überzählige Embryo hat keinen Sonderstatus. Er ist Mensch wie jeder andere auch und hat kraft seiner Existenz als Mensch Anspruch auf verfassungsrechtlichen und moralischen Lebensschutz sowie auf volle Menschenwürde. In Tat und Wahrheit ist der überzählige Embryo nur deshalb von seinen Überlebensmöglichkeiten abgeschnitten, weil er durch Menschenhand in diese prekäre Situation der "Unbe-haustheit" ausserhalb der Geborgenheit des Mutterleibs hineinmanöveriert worden ist. Der überzählige Embryo ist ein schwaches, unschuldiges Wesen, das nicht zu vertreten hat, dass es bei der künstlichen Befruchtungsmethode der In-vitro-Fertilisation "übrig" geblieben ist, weil es der Frau nicht eingepflanzt wird, z.B. wenn eine optische Qualitätskontrolle ergibt, dass es nicht der Norm entspricht. Die Existenz des überzähligen Embryos ist einzig und allein die Folge unseres gezielten menschlichen Handelns.

Zweifellos ist das Sterbenlassen des überzähligen Embryos ein Übel. Es ist aber auch ein Übel, wenn das Leben des ausserhalb des Mutterleibs zum Zwecke der Fortpflanzung gezeugten Embryos instrumentalisiert, d.h. der Forschung und damit fremdem Nutzen und Interessen Dritter (auch ökonomischen) geopfert wird.

Im Dilemma, sich zwischen zwei Übeln entscheiden zu müssen, weil es keinen moralisch vertretbaren Ausweg gibt, muss das ethische Übelminimierungsprinzip Anwendung finden. Das bedeutet, dass von zwei Übeln das kleinere zu wählen ist. In unserem Falle ist das geringere Übel das Sterbenlassen der überzähligen Embryonen.

Die Annahme des Stammzellenforschungsgesetzes würde unweigerlich das Einbrechen ethischer Dämme mit sich bringen. In erster Linie würde die gesetzliche Verankerung der embryonalen Stammzellenforschung eine utilitaristische Denkweise fördern, wonach überzählige Embryonen, die ohnedies sterben müssen, durch die Verwendung zu Forschungszwecken wenigstens noch der Nutzenmaximierung der Gesamtgesellschaft dienlich wären. Die Zulassung der embryonalen Stammzellenforschung würde aber auch Forderungen, wie sie heute unter Wissenschaftern und in der Politik bereits diskutiert werden – so Aufhebung des Verbots des Klonens und des Verbots der Präimplantationsdiagnostik – weiteren Auftrieb geben. Dieser Dammbruch bei den ethischen Werten wird schliesslich zu einem Wandel im Bewusstsein der Gesellschaft in dem Sinne führen, dass der Respekt im Umgang mit dem menschlichen Leben (auch dem kranken, alten, behinderten, dementen Leben) längerfristig sinkt oder sogar verloren geht. Dem ist entschieden entgegenzutreten. Dies schon deshalb, weil die Art des Umgangs der Gesellschaft mit dem menschlichen Leben, insbesondere an dessen Anfang und Ende, ein untrügliches Zeichen ist für den Stand ihrer humanitären Gesinnung.


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Pressekonferenz, 9.11.2004

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