Ja zum Leben
Menschliche embryonale Stammzellen: Eine teure Sackgasse (Kurzvotum)
  
   
Dr. sc. nat. Daniel Constam, Entwicklungsbiologe, Forschungsleiter, ISREC, Epalinges VD

Verehrte Gäste: Wir alle sind heute hier, weil das Stammzellenforschungsgesetz neuerdings menschliche Embryonen für Stammzellforschung zugänglich machen will. Natürlich steht nicht nur die Schweiz vor der Entscheidung, ob dies ethisch zu rechtfertigen und wissenschaftlich sinnvoll sei. Aber von hier könnten wichtige Signale ausgehen, weil nur hier die Stimmbürger selbst mitentscheiden. Als Entwicklungsbiologe möchte ich in diesem Prozess mithelfen, Sie und Ihre Leserschaft über folgenschwere Tatsachen zu informieren, welche in der Oeffentlichkeit, bei Politikern, und z.T. selbst in gewissen Fachkreisen offensichtlich zu wenig bekannt sind.

Zuerst muss ich klären, wofür sich ES Zellen wirklich eignen, und weshalb sie vor allem dem Missbrauch am Menschen Tür und Tor öffnen. Zweitens werde ich versuchen aufzuzeigen, weshalb die Verwendung menschlicher ES Zellen für therapeutische Zwecke bereits im voraus als Sackgasse erkannt werden sollte.

In der Tierforschung dienen ES-Zellen auch 20 Jahre nach ihrer Entdeckung praktisch ausschliesslich dazu, um daraus genetisch manipulierte Mäuse herzustellen. Falls Sie es wünschen, erkläre ich Ihnen nachher gerne, wie in einem ähnlichen Verfahren solche Mäuse komplett aus ES Zellen hergestellt werden können. Jeder Entwicklungsbiologe müsste eigentlich wissen, dass heute auf diese Weise von einer einzigen ES Zellinie sehr effizient genetisch identische, oder je nach Bedarf manipulierte Klone in theoretisch unbeschränkter Zahl hergestellt werden können. Die Behauptung in Art 2c, dass sich ES-Zellen per Definition «nicht zu einem Menschen entwickeln können», beruht auf längst veraltetem Schulbuchwissen. Dies ist sträflich irreführend, denn es besteht heute nicht der geringste Zweifel, dass auch der Mensch aus embryonalen Stammzellen entsteht.

Aus ES Zellen entsteht im Embryo auch die Keimbahn. Demzufolge muss es möglich sein, sogar Spermien und Eizellen auch im Labor künstlich aus ES Zellen herzustellen. Diesem Ziel ist man bereits erstaunlich nahe gekommen. Das etablierte Verfahren zur Genmanipulation in ES Zellen wird dann zumal genügen, um in unbeschränkter Anzahl sogar Samen- und Eizellen genetisch massgeschneidert herzustellen.

Zwar verbietet Art 3c des StFG vorläufig, dass aus ES-Zellen wieder Embryonen hergestellt werden. Genmanipulation wird aber ausschliesslich nur in Keimbahnzellen verboten (Art. 3b). Im Klartext bedeutet dies, dass in menschlichen ES Zellen Genmanipulation erlaubt sein wird, obschon nachher unter anderem auch Keimbahnzellen daraus entstehen können. Demzufolge ist Art. 3b durchaus nicht in der Lage, einem Missbrauch der Genmanipulation vorzubeugen. Abgesehen davon bleiben genetische Eingriffe praktisch spurlos. Mit zunehmender Verbreitung menschlicher ES Zellen wird es deshalb völlig unmöglich sein zu kontrollieren, was damit gemacht wird.

Sämtliche führenden Forschungslabors auf dem Gebiet der ES Zellforschung sind heute im Ausland angesiedelt. Ihre Arbeiten bestätigen zwar die Erwartung, dass ES Zellen in Kultur unter geeigneten Bedingungen wichtige Eigenschaften von spezialisierten Geweben erwerben können. Der Nachweis, dass sie als Ersatzgewebe brauchbar sind, konnte aber noch immer nicht zweifelsfrei durch voneinander unabhängige Studien erbracht werden. Etliche Fachleute sind trotzdem der Ansicht, dass intensive Forschung mit menschlichen ES Zellen nötig sei, damit die Schweiz Entwicklungen auf diesem Gebiet nicht verpasst. Dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass der Forschungsplatz Schweiz auch davon profitiert, wenn eine Sackgasse rechtzeitig als solche erkannt und die beschränkten Mittel intelligent investiert werden. Zweifel am Nutzen menschlicher ES Zellen sind überaus angebracht, weil entsprechende Zellen in Tierversuchen trotz intensiver Forschung seit 20 Jahren keinen nachhaltigen therapeutischen Nutzen zeigen konnten. Stattdessen verursachen sie ein hohes Risiko für die Entstehung von Krebs

Ersatzgewebe aus ES Zellen werden zudem vom Immunsystem jeweils als fremd erkannt und abgestossen. Das ist eine unumstrittene Tatsache. Eben deshalb sind sie grundsätzlich ungeeignet für Stammzelltransplantationen, selbst wenn man daraus die gewünschten Ersatzgewebe herstellen könnte. Auch Sie, verehrte Gäste, haben selbstverständlich gelesen, der Ausweg aus dieser Sackgasse sei die sogenannte therapeutische Klonierung: «Wir klonieren einfach jeden bedürftigen Patienten, um ihm seine eigene, verträgliche Stammzellinie zur Verfügung zu stellen»! Dass somit das Klon-Verbot im StFG in Art. 3b nur die Funktion eines Feigenblattes innehat und umgehend wieder abgeschafft werden muss, sobald das Gesetz in Kraft getreten ist, darüber lässt man den Stimmbürger allerdings im Dunkeln.

Sie haben zwar schon recht: Klonierte Stammzellen sollten eigentlich nicht mehr abgestossen werden, da sie mit dem Empfànger genetisch nahezu identisch sind.

Nun hat sich allerdings diese Hoffnung in Tierversuchen nicht bewahrheitet. Stattdessen zeigte die Gruppe von Prof. Jaenisch am MIT, dass Stammzelltransplantate selbst nach einer «therapeutischen» Klonierung als fremd erkannt werden. Erst nach der Geburt konnten aus einem geklonten Tier verträgliche Gewebe entnommen werden. Eine solche reproduktive Klonierung ist aber erst recht kein Ausweg aus der Sackgasse.

Lassen Sie mich meine Ausführungen wie folgt zusammenfassen:
Tierversuche zeigten, dass aus fremden ES Zellen hergestellte Transplantate abgestossen werden und ein hohes Krebsrisiko darstellen. Ohne Genmanipulation und Klonierung bleiben ES Zellen deshalb zwangsläufig unbrauchbar für nachhaltige Therapien mit Ersatzgeweben. Aber selbst Ersatzgewebe aus geklonten ES Zellen würden das Krebsrisiko erhöhen, und wären zudem sowieso nur für eine Minderheit der bedürftigen Patienten erhältlich mangels Spender-Eizellen 10. Die Verlockung, aus menschlichen Embryonen Ersatzgewebe zu gewinnen, sollte deshalb von vornherein als Sackgasse erkannt werden. Bereits heute wissen wir zudem, dass reproduktive Klone nur aus ES Zellen effizienter hergestellt werden können, als mit dem herkömmlichen Kerntransfer. Und nur mit Hilfe von ES Zellen ist Genmanipulation am Menschen machbar. Es ist nicht einzusehen, weshalb wir die damit verbundenen gesellschaftlichen Risiken in Kauf nehmen sollen, zumal in klinisch relevanten Tiermodellen der therapeutische Nutzen von ES Zellen nicht erwiesen ist. Viele trösten sich mit der trügerischen Hoffnung, dass ein Missbrauch von ES Zellen durch das neue StFG verhindert werden kann. Aber leider verfehlt es dieses Ziel. Stattdessen gibt es menschliche Embryonen unserer Willkür preis und verharmlost in sträflicher Weise die notwendigen Folgen.


ausführliche Fassung des Textes

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Pressekonferenz, 9.11.2004

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